REGISTERING DISASTERS by Tomoko Katsumata

by TOMOKO KATSUMATA

Die Frage, wie ein katastrophales Ereignis im Kulturgedächtnis behalten wird, wurde seit dem Tōhoku-Erdbeben und dem Tsunami aus dem Jahr 2011 in Japan häufig gestellt. Das Rias Ark Museum in Kesennuma in der Präfektur Miyagi in Japan hat sich unmittelbar mit dieser Frage auseinandergesetzt.

Kesennuma liegt an der Sanriku-Küste, die am 11. März 2011 in erster Linie durch den Tsunami stark zerstört wurde und seit langem immer wieder vom Tsunami betroffen war. Das Rias Ark Museum setzte sich bereits vor 2011 mit dem Thema der Tsunami-Katastrophe und seiner Geschichte als Schwerpunkt der Forschung auseinander und stellt seit dem Jahr 2006 aus. Seitdem das erste Beben im Jahr 2011 die Städte in Nordostjapan heimsuchte, begannen die Mitarbeiter vom Museum Tag für Tag die Situation der Stadt Kesennuma und Minamisanriku zu dokumentieren. Sie liefen mit einer einfachen Digitalkamera in der zerstörten Stadt herum. Sie sammelten Gegenstände von der Straße, die die Spur der Katastrophe hinterließen, um diese dann zur Ausstellung zu nutzen.

Der Tsunami schwemmte alltäglich verwendete Gegenstände fort. Diese Gegenstände waren zwar gewöhnliche Sachen, aber sie waren gleichzeitig mit einer bestimmten Erinnerung verbunden. Die Mitarbeiter des Museums haben sie „Hisaibutsu“*1 genannt. „Hisaibutsu“ bedeutet die Dinge, die von der Katastrophe betroffen waren. Die Gegenstände, die durch die Katastrophe zerbrochen wurden, werden in den Medien oft “Gareki“ (=Schutt, wertlose Dinge) genannt. Obwohl sie ihre eigentliche Funktion verloren, gehörten sie jemandem und hatten einen bestimmten Zweck. Durch Hisaibutsu kann man sich dem verlorenen Alltag nähern. In der Ausstellung „fungieren Hisaibutsu als ein Auslöser der Erinnerung“*2.

Der Verlust des alltäglichen Lebens durch die Katastrophe zwingt Menschen zur Abtrennung ihrer persönlichen Vergangenheit. Das ergibt sowohl eine Vergessenheit jedes einzelnen Lebens als auch die Entfernung der Realität. Kein haltbarer Wiederaufbau ist möglich, wenn man nicht richtig weiß, was in der Stadt durch die Katastrophe zerstört wurde und was es in der Stadt vor der Katastrophe gab. Wenn die Erinnerung und Geschichte ignoriert werden, können sich Katastrophe wiederholen. (Noi Sawaragi bezeichnete dieses als „Vergessenheit und Wiederholung“ »忘却と反復«.*3)

Bei der Überlegung muss man unterscheiden, ob die Katastrophe eine Naturkatastrophe oder eine vom Menschen verursachte Katastrophe ist. Bei der von Menschen verursachten Katastrophe wie Krieg haben Menschen die Möglichkeit, sie zu vermeiden. In der Ausstellung vom Rias Ark Museum wurden Exponate im ursprünglichen Zustand ohne Reinigung gezeigt. Sie trugen die Spuren von Schlämmen aus den Straßen, aus denen sie geholt worden waren. Damit enthüllt sich die Zerstörungskraft des   Tsunami und man kann durch das Verrotten der Exponate die vergangene Zeit vom 11.03.2011 bis jetzt spüren.

Diese Dokumentation über die Tsunami-Katastrophe bleibt zeitlich nicht stehen. Sie erweckt in Zuschauern ihre eigenen Vorstellungen und die Erinnerung an das Ereignis. Die Ausstellung bringt den Zuschauern die Realität der Katastrophe näher, damit jeder in der eigenen Wahrnehmung das traumatische Ereignis nachvollzieht. Die Menschen können durch ihre eigene Wahrnehmung der Realität die Katastrophe fühlen und sich daran erinnern.

*1 Das Rias Ark Museum, Die Dokumentation des Tōhoku-Erdbebens und die Geschichte der Tsunami-Katastrophe »東日本大震災の記録と津波の災害史«, Ausstellungskatalog, Miyagi 2014, S.127.

*2 Ebd., S.151.

*3 Noi Sawaragi, 震美術論, Tokio 2017.

 

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